Warum zwei Katzen besser sind als eine


Immer wieder bekomme ich Anrufe von Leuten, die unbedingt eine Einzelkatze wollen, und es soll dann bitte schön ein Kitten sein. Dieser Tage blocke ich dann ziemlich schnell ab, aber früher habe ich immer versucht zu erklären, dass Katzen entgegen der sich hartnäckig haltenden, landläufigen Meinung soziale Tiere sind, die den Kontakt zu Artgenossen brauchen. Solange es sich um Freilauf-Katzen handelt, haben sie die Möglichkeit, Sozialkontakte außerhalb des Hauses zu pflegen, aber immer mehr Katzen werden aus verschiedenen Gründen als reine Wohnungskatzen gehalten, und die haben dann keine Wahl.

Bevor ich auf die verschiedenen Gründe eingehe, die mir genannt werden, warum es unbedingt eine Einzelkatze sein soll, möchte ich auf die rechtliche Situation hinweisen. Einerseits schreibt das Tierschutzgesetz vor, dass sozialen Tierarten unbedingt ein Artgenosse zur Seite gestellt werden soll, andererseits erlaubt es aber, dass bei Hund und Katze der Mensch den Artgenossen ersetzt (was er aber natürlich nicht kann). Gerade bei besonders sozialen Rassen, zu denen vor allem alle orientalischen Rassen wie Siamesen, Balinesen, Orientalisch Kurzhaar und Langhaar, Burmesen, Tonkanesen, Thai und Korat gehören ist meiner Erfahrung nach ein Artgenosse unbedingt erforderlich. Es muss dabei nicht unbedingt eine Katze der gleichen Rasse sein, doch sollte sie vom Charakter her passen, also auch verspielt, anhänglich und intelligent sein. Nichts kann das gegenseitige Putzen, das gemeinsame Spiel und allgemein die soziale Interaktion zwischen Artgenossen ersetzen. Die Erkenntnis, dass es sich bei der Hauskatze um eine inhärent soziale Spezies handelt, wird durch eine wachsende Anzahl von Studien untermauert. Verhaltensforscher kamen zum Schluss, dass solange Nahrung und Unterschlupf in ausreichendem Masse vorhanden sind, Katzen es bevorzugen in Kolonien zu leben, wobei sich verwandte weibliche Katzen in Gruppen organisieren und sich oft sogar gegenseitig bei der Brutpflege unterstützen. Der Mythos der Hauskatze als Einzelgänger ist in den letzten Jahrzehnten durch zahlreiche wissenschaftliche Studien widerlegt worden. Für einen Überblick siehe The Domestic Cat. The Biology of its Behaviour, Hg. Dennis C. Turner und Patrick Bateson, Cambridge UP, New York 2014, 3. Ausgabe)

Ein Argument, das ich immer zu hören bekomme, ist, dass die Vorgängerkatze ja auch eine Einzelkatze gewesen sei und glücklich damit. Ich frage mich dann immer, woher die Besitzer das wissen wollen; hat es die Katze ihnen gesagt? Natürlich nicht, aber sie schließen es wahrscheinlich daraus, dass die Katze trotz fehlendem Sozialkontakt zu Artgenossen nicht verhaltensauffällig geworden ist. Eins was ich in über 30 Jahren Zusammenleben mit Katzen gelernt habe, ist, dass Katzen einerseits extrem anpassungsfähig sind und sich somit sehr gut an die Gegebenheiten der Haltung anpassen können. Auch sind sie außerordentlich leidensfähig, und es bedarf schon sehr viel, dass Katzen ihr Leiden (sei es psychisch oder physisch) nach außen zeigen. Wenn also eine Katze keine manifesten Symptome zeigt, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht leidet. Oft gibt es aber durchaus Anzeichen, dass die Katze sich nicht hundertprozentig wohl fühlt: lautes, unerlässliches Miauen, Kratzen an unerwünschten Stellen, im schlimmsten Fall sogar Unsauberkeit.
Es ist auch nachvollziehbar, dass Katzen, die über sehr lange Zeit alleine gehalten wurden, sich zu Eigenbrötlern entwickeln und nicht unbedingt erfreut sind, wenn ihnen nach Jahren erzwungener Einsamkeit plötzlich ohne Vorwarnung ein Artgenosse vor die Nase gesetzt wird. Aber auch nach Jahren ohne Katzengesellschaft freut sich die Mehrheit der Katzen über einen Spielkumpel; man muss die Vergesellschaftung nur behutsam und vorsichtig angehen.

Ein weiteres Argument, welches mir oft genannt wird, ist Platzmangel. Meine Antwort ist dann immer: wo eine Katze Platz hat, haben auch zwei Katzen Platz.  Je mehr Platz, desto besser, aber ich denke, Katzen können auch auf relativ beschränktem Raum (sogar einer Einzimmerwohnung) glücklich sein, wenn sie auf Katzenbedürfnisse ausgerichtet gestaltet ist. Für mich versteht es sich von selbst, dass die Katzen in alle Räume der Wohnung Zutritt haben. Auch kann der Raum für Katzen erweitert werden, wenn man verschiedene Ebenen miteinbezieht und vor allem in die Höhe baut: hier bietet sich z.B. ein platzsparender Decken- und/oder Wandkratzbaum an, eventuell zusammen mit einer Lauffläche unter der Decke. Oder man bietet eine Aufstiegshilfe auf den Kleiderschrank, wohin sich die Katze zurückziehen kann. Auch eine Schlafhöhle im Bücherregal wird gerne angenommen, oder eine Heizungshängematte. Vernetzt man dann noch den Balkon, ist die Katze nicht nur an der frischen Luft, sondern kann auch ihre Umgebung beobachten. Sogar wenn kein Balkon vorhanden ist, kann man relativ einfach einen entfernbaren Guckkasten für ein Fenster basteln und somit eine willkommene Aussichtsplattform zur Verfügung stellen.
In Facebook-Gruppen wie Handwerkeln für Katzen finden sich viele Anregungen und Anleitungen um die Wohnung für Katzen abwechslungsreich zu gestalten, auch mit einem bescheidenen Budget.

Eine weitere Entschuldigung, die oft ins Feld geführt wird, ist das fehlende Geld. Komischerweise geht es in der Regel um die vermeintlich hohen Anschaffungskosten einer Rassekatze und selten um die laufenden monatlichen Ausgaben, obwohl die, sogar wenn keine außerplanmäßigen Tierarztkosten anfallen, den Kaufpreis für eine Katze um ein Vielfaches übersteigen. Wie eingangs bereits erwähnt, müssen es ja nicht unbedingt zwei Rassekatzen sein und wenn es nicht unbedingt zwei Kitten sein müssen, suchen viele Züchter auch ab und zu nach einem geeigneten Platz für ein erwachsenes Tier, sei dies für eine ehemalige Zuchtkatze oder weil es in der Zuchtgruppe zu Streitigkeiten kommt. Eine gute Kombi ist daher auch ein Kitten mit einer ehemaligen Zuchtkatze zu adoptieren. Was die monatlichen Ausgaben betrifft, so ist es wahr, zwei Katzen kosten mehr im Unterhalt als eine, jedoch längst nicht das doppelte. Kratzbaum, Katzenmöbel und Spielsachen braucht man ja nicht doppelt. Bei befreundeten Katzen reicht auch ein etwas größerer Transportkorb, was eh besser ist, da die Anwesenheit des Katzenkumpels Sicherheit verleiht und beruhigend wirkt. Vor allem beim Fressen spart man durch größere Verpackungsgrößen, dasselbe Futter kostet in der 400g Dose beträchtlich weniger als in der 200g Dose (auf 100g gerechnet).

Das nächste Argument macht mich als langjährige Katzenhalterin besonders bestürzt: mehr als ein Kitten-Interessent hat mir schon gesagt «ich will, dass sich meine Katze mit mir beschäftigt und nicht mit ihrem Katzenfreund». Nicht nur ist diese Haltung ungeheuer egoistisch, sondern verrät auch einen erschreckenden Mangel an Empathie gegenüber von Tieren im Allgemeinen und den Bedürfnissen von Katzen im Besonderen. Bei der Haltung von Haustieren sollte es ja nicht (nur) um die Bedürfnisse des Menschen gehen, sondern darum, wie man seinen vierbeinigen Mitbewohnern ein so artgerechtes Leben wie nur wie nur möglich gestaltet, auch wenn man ihnen aufgrund von Gefahren (z.B. Verkehr) keinen Freigang gewähren kann.
Ich kann den Wunsch nach einer schmusigen, anhänglichen Katze durchaus verstehen, aber man kann eine Katze nicht dazu zwingen. Wenn man das gerne möchte, dass sollte man sich eine menschenbezogene Rasse aussuchen, wie z.B. eine orientalische Rasse. Jeder Besitzer von zwei (oder gar mehrerer) Katzen einer orientalischen Rasse wird bestätigen, dass diese im Rudel genauso anhänglich und menschenbezogen sind. Wohnt man mit solchen Katzen zusammen, ist man nie allein, denn sie wollen immer und überall dabei sein: auf dem Klo, im Bad, beim Kochen, beim Betten machen, bei der Arbeit am Computer oder beim gemütlichen Fernsehabend: egal wo man gerade ist, wird man zumeist von mehreren Katzen regelrecht belagert. Wie absolut egoistisch muss man sein, um seiner Katze Gesellschaft von Artgenossen zu missgönnen.

 

Auszug von Monika Wernli, meiner Zuchtkollegin - Herzlichen Dank